Dr. Kinast in der tz: Plattfuß – und nun?

Erfahrener Chirurg rät im Notfall zur Operation, um das Fußgewölbe wiederherzustellen.

Jeder kennt die typischen halbmondförmigen Abdrücke, die beim Barfußlaufen im Sand zurückbleiben. Sie entstehen, weil nicht die ganze Fußsohle den Boden berührt. Der gesunde Fuß hat ein Längsgewölbe, das das Körpergewicht abfedert und für den richtigen Schwung beim Abdruck sorgt. „Von der Evolution perfekt konstruiert“, findet der Orthopäde und Fußchirurg Dr. Christian Kinast. Leider weiß der moderne Mensch die tolle Konstruktion kaum zu schätzen: Er zwängt seine Füße in zu enge oder zu hohe Schuhe, bewegt und trainiert sie zu wenig oder zu einseitig. Überlastungen führen zu Fehlstellungen wie dem Knick-Senk-Fuß und dem Plattfuß. Behandeln sollte man möglichst schon, bevor Schmerzen auftreten! Auf welche Warnzeichen jeder achten sollte und wann ein Plattfuß sogar operiert werden muss:

Diese Fragen beantwortet Dr. Kinast im tz-Gespräch.

Dr. Kinast Plattfuß Röntgen rechts von oben prae op

Dr. Kinast Plattfuß Röntgen rechts von oben prae op

Plattfuß-Ansicht von hinten

Plattfuß-Ansicht von hinten

Schemazeichnung Plattfuß

Wer bekommt überhaupt einen Plattfuß?
Dr. Christian Kinast: Er ist tatsächlich weit verbreitet, von Kindern bis zu alten Menschen. Bis auf die sehr seltenen angeborenen Fälle bei Kindern ist der Plattfuß immer die Endstufe vom Knick-Senk-Fuß, dessen Name genau beschreibt, was passiert: Der Rückfuß knickt nach innen ein, die Ferse  rutscht nach außen weg, das Fußgewölbe senkt sich innen ab, bis es schließlich auf dem Boden aufliegt. Dann kann wirklich auch jeder Laie sehen, dass etwas nicht stimmt, besonders wenn man von hinten schaut: Man erkennt deutlich den nach unten und innen abgesenkten Innenknöchel und dass der Fuß innen aufliegt. Auf der Außenseite sieht man die Kleinzehen, die normalerweise hinter dem Unterschenkel verborgen sein sollten.

Muss man mit einem Plattfuß immer zum Arzt gehen?
Kinast: Unbedingt. Er wird zunächst Physiotherapie verordnen, Eigenübungen zeigen und Einlagen verschreiben. Jüngere Menschen brauchen eher Einlagen, die die Muskeln ihrer häufig überbeweglichen und schlaffen Füße stimulieren. Bei älteren Menschen ermüden die Füße schneller, sie brauchen eher Einlagen, die die Füße weich betten.

Was gibt es für Folgeschäden, wenn man gar nichts tut?
Kinast: Das ist sehr vielfältig. Der Hallux Valgus, diese sehr häufige Deformität des Großzehengrundgelenks, ist mit dem Knick-Senk-Fuß bzw. Plattfuß vergesellschaftet, ebenso wie der Fersensporn oder Achillessehnenbeschwerden. Fehlstellungen führen zu falschen Belastungen, zur Abnutzung von Gelenkknorpeln und Arthrose. Ebenfalls sehr oft gibt es Probleme mit der Sehne, die das Längsgewölbe des Fußes stützt, der Tibialis Posterior. Diese Sehne hilft den Fuß nach unten zu beugen. Durch die Fehlstellung im Fuß wird diese Sehne überanstrengt und fasert auf, bis sie durchreißt. Das ist das Leitsymptom bzw. die Hauptbeschwerde von den Patienten mit Plattfuß, die älter als 50 Jahre sind. Man spricht auch von der Tibialis-Posterior-Dysfunktion, also dem nicht mehr Funktionieren dieser Sehne. Neben dieser Sehnenüberlastung kommt es auch zu weiteren Schmerzzuständen: Wenn der Fuß bei jedem Schritt nach außen wegknickt, dann haben das Wadenbein und das Fersenbein plötzlich Kontakt, und es schmerzt auf der Außenseite des Fußes.

Ist es Ihre Erfahrung, dass die Menschen erst kommen, wenn es schon ein bisschen zu spät ist?
Kinast:
Ja, viele gehen dann irgendwann ins Kernspin und bekommen die Diagnose Sehnenüberreizung. Das stimmt ja auch im Prinzip, wird aber nicht im Zusammenhang mit der Fehlstellung im Fuß gesehen. Das Kernspin macht Bilder im Liegen, auf denen man Fehlstellungen gar nicht erkennen kann. Daher kommt es zu Fehlinterpretationen.  Bei Aufnahmen im MRT erkennt man genau, was im Fuß passiert. Ist die Tibialis-Posterior-Sehne geschädigt, sieht man Flüssigkeitsansammlungen um  die Sehne und in der Sehne. Dann weiß ich, dass es sich um eine total aufgefaserte Sehne handelt, die jahrelang überlastet wurde.

Wie funktioniert die Plattfuß-Operation?
Kinast: Es gibt minimal-invasive und offene Eingriffe. Kommt der Patient im frühen Stadium, kann man ähnlich wie bei Kindern und Jugendlichen (siehe unten im Absatz  eine Verschraubung vornehmen. Man kann die Ferse minimal-invasiv v-förmig durchtrennen, den Knochen nach innen verschieben und mit einer Schraube befestigen und ähnlich wie bei den Kindern das Gelenk zwischen Sprungbein und Fersenbein mit einer Schraube blockieren, sodass die Sehne ruhiggestellt ist, sich erholen und heilen  kann.

Und wenn der Schaden schon zu groß ist?
Kinast: Dann ist eine umfangreiche Rekonstruktion des Fußgewölbes nötig. Dabei wird das Fersenbein nach innen versetzt, verlängert und verschraubt und der erste Mittelfußknochen nach unten und außen versetzt. Sehnen, Gelenkkapseln und Bänder werden gerafft und wieder angenäht bzw.angedübelt.DanachisteineRuhephase von vier bis sechs Wochen im Gipsverband nötig, damit die Knochen und das Gewebe heilen können. Dann darf erst langsam mit einer Belastung begonnen werden. Die Verbindungen zwischen Knochen und Bändern müssen richtig fest zusammenwachsen, das braucht Zeit. Es ist ein großer Eingriff und ich weiß vorher nie genau, was mich erwartet. Die Situation im Fuß ist bei jedemPatienten anders. Aber sehr viele Patienten können nach der Heilungsphase endlich wieder Sport treiben und schmerzfrei gehen. Aber jemand mit zerstörter Tibialis-Sehne und Arthrose wird natürlich kein Dauerläufer mehr. Dennoch gibt es auch im Alter gute Ergebnisse. Ich habe vor zehn Jahren eine damals 80-jährige Dame operiert, die seitdem wieder zum Tanzen geht!

Plattfüße bei Babys normal

Babys übrigens kommen scheinbar plattfüßig zur Welt, erst zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr entwickelt sich das Längsgewölbe.

Plattfuß eines Babys (c) shutterstock MoiraFF

Plattfuß eines Babys (c) shutterstock MoiraFF

Knochen von Kindern richtig wachsen lassen

Der kindliche Knick-Senk-Fuß ist sehr häufig, meistens verwächst er sich ganz von allein und muss nicht weiter behandelt werden. Doch im digitalen Zeitalter, wo Mädchen und Buben nicht nur in der Schule, sondern auch daheim viel sitzen und immer weniger Sport treiben oder draußen herumtoben, wird auch bei immer mehr Kindern aus dieser  Haltungsschwäche ein Plattfuß. Dr. Christian Kinast: „Diese jungen Menschen fallen dann dadurch auf, dass sie schnell ermüden und gar nicht mehr gern gehen wollen. Und auch im Sport haben sie Mühe, weil sie wegen ihrer Füße nicht lange durchhalten können.“ Es ist sinnvoll, diese Fehlstellung rechtzeitig zu korrigieren. Zunächst wird man immer mit Einlagen und Physiotherapie versuchen, den Fuß und das Fußgewölbe zu kräftigen. Auf dem Vorfuß zu balancieren, ist z.B. eine gute Übung, um die Muskeln zu stärken. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, bietet Dr. Kinast häufig eine kleine Operation an, die im Idealfall vor dem letzten großen Wachstumsschub so im Alter ab acht bis zwölf Jahren stattfindet. Im Gegensatz zur großen Plattfuß-OP bei Erwachsenen genügt es bei den Kleinen, zwischen Sprung- und Fersenbein eine Schraube einzusetzen, um die übergroße Beweglichkeit dort zu blockieren. Das bewirkt, dass sich das Fußgewölbe aufrichtet und die Fußknochen in die richtige Position wachsen. Dr. Kinast: „Der Fuß wächst in die Normalität hinein, die Schraube wird später wieder entfernt.“

Evolution der Füße machte uns schlauer

Das Fußskelett besteht aus 28 Einzelknochen, die von 107 Sehnen und Bändern zusammengehalten werden. Die Fußsohle hat besonders kompakte  Muskeln, um die Sehnen und Knochen vor Bodenunebenheiten zu schützen. Entstanden ist der Fuß binnen mehrerer Hunderttausend Jahre aus dem Greiffuß der Menschenaffen. Die Evolution der Füße gilt als Schlüssel für die Entwicklung der menschlichen Intelligenz: Der aufrechte Gang ermöglichte eine bessere Sicht, die Hände wurden nicht mehr zum Laufen benötigt, sie waren frei fürs Greifen, Tasten und Erkennen der Umwelt.

Dr. Christian Kinast rät dazu, Füße zu behandeln, bevor sie wehtun. Sein Tipp: Häufig barfuß laufen stärkt die Füße und beugt Fehlstellungen vor.

Dr. Christian Kinast - tz 2016 04

Dr. Christian Kinast rät dazu, Füße zu behandeln, bevor sie wehtun.
© Goran Nitschke

Zentrum für Fuß und Sprunggelenk München
Dr. Christian Kinast
Orthopädie Zentrum Arabellapark
Englschalkinger Str. 12
81925 München
Tel.: 089 / 99 90 97 80
www.oza-m.de

tz im Gespräch mit Dr. Christian Kinast
Ausgabe: tz München, Dienstag, 5. April 2016, Seite 18

© INTERVIEW: SUS

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