Gesund Golfen Medizinjournal

GESUND GOLFEN-EXPERTE DR. MED. PHILIP SCHÖTTLE

Beim Abschlag wirken Kräfte auf das Knie, die einem Sprung aus großer Höhe entsprechen.

Obwohl landläufig davon ausgegangen wurde, dass Golf eine Sportart ist, die das Knie nicht übermäßig belastet, keinen frühzeitigen Verschleiß hervorruft und daher bei Knieverletzungen und beginnender Arthrose bedenkenlos betrieben werden kann, zeichnen aktuelle biomechanische Studien, aber auch die Sportpresse inzwischen ein etwas anderes Bild. Es konnte gezeigt werden, dass bei einem Golf­abschlag Kräfte im Knie auftreten, die einem Sprung aus großer Höhe entsprechen und um 30 Prozent höher sind als die des alltäglichen Lebens.
Bei genauerem Betrachten gilt dies vor allem für die sogenannten „Pivot”-Bewegungen und -Kräfte. Das ­Pivoting bezeichnet Dreh- und Scherbewegungen eines langen Schaftes (wie dem Oberschenkel) auf einem relativ kleinen Punkt (in dem Fall dem Kniegelenk). Somit kann es sein, dass beim Golfen Kräfte auf die Innenseite des Knies wirken, die den Knorpel übermäßig belasten und beschädigen können.

Schmerzen Kniegelenk

Dadurch ist auch zu erklären, dass rechtshändige Patienten nach dem Golfspiel eine höhere Belastung und auch Schmerzen in ihrem linken Kniegelenk verspüren und linkshändige Patienten im rechten Kniegelenk. Zusätzlich haben diese Kräfte auch einen Einfluss auf das vordere Kreuzband. Dieser Zusammenhang wird schnell augenscheinlich, wenn man weiß, dass die oben genannten Dreh- und Scher­bewegungen nicht nur die Innenseite des Kniegelenkes belasten, sondern die typischen Stresskräfte auf das vordere Kreuzband simulieren. Das vordere Kreuzband wird also schon bei jedem Probeschwung an seine Belastungsgrenze gebracht und ergo bei unglücklich getroffenem Ball oder zusätzlich verdrehtem Körper über die Maßen belastet. In jüngsten Belastungsstudien konnte gezeigt werden, dass diese Kräfte vergleichbar sind mit denjenigen, bei denen sich andere Sportler, wie Fußballer oder Skifahrer, ihr vorderes Kreuzband reißen. Spätestens seit dem Fall „Tiger Woods” ist derartiges weltweit dokumentiert. Der Grund, warum dies beim Golfen nicht so häufig passiert, ist die geringere Geschwindigkeit und bessere Kontrolle, mit der diese Kräfte beim Golfen auftreten. Trotzdem muss man davon ausgehen, dass das Kreuzband durch konsequentes Golfspiel gestresst und auch gedehnt wird.

Gesundes Kniegelenk

Gesundes Kniegelenk mit bestehendem vorderen Kreuzband

Wenn man sich nun vor Augen hält, dass das vordere Kreuzband genau die anatomische Struktur ist, die im Kniegelenk dem Pivoting und damit der Überlastung auf der Innenseite des Kniegelenkes entgegen wirkt, so ist zu erklären, warum bei einem Golfprofi, wie Tiger Woods, das vordere Kreuzband bei einem „Stolpersturz” beim Joggen reißen kann.

Doch was für den Profi gilt, gilt noch viel mehr für den Amateurgolfer, der sich nicht den ganzen Tag seinem Sporttraining und damit dem Aufbau einer außerordentlichen Kondition und Koordination widmen kann. Wie die Presse berichtet, wurde bei Tiger Woods die Kreuzbandruptur in einer Doppelbündeltechnik rekonstruiert. Dabei werden, wie in der tatsächlichen Anatomie, beide Stränge des vorderen Kreuzbandes, nämlich das steile für die Stabilität von vorne nach hinten und das schräge für die bessere Kontrolle der Drehstabilität rekonstruiert. Diese Technik ist zwar komplizierter und zeitaufwändiger als die gewöhnlich angewendete Einzelbündeltechnik, kann aber eine bessere Drehstabilität erzeugen und daher den beim Golf auftretenden Pivot-Kräften besser entgegenwirken. Daher sollte gerade beim Golfer eine eingeschränkte Funktionsfähigkeit des vorderen Kreuzbandes kritisch und genau betrachtet und untersucht werden. Im Besonderen sollte beim Vorliegen einer Drehinstabilität eine operative Rekonstruktion zur Kontrolle der Scherkräfte in Betracht gezogen werden.

Kniegelenk Rekonstruktion

Doppelbündel-Rekonstruktion des ante­romedialen (AM) und posterolateralen (PL) vorderen Kreuzbands mit dem ACL TightRope® (Arthrex). Spezielles Instrumentarium erleichtert eine präzise femorale und tibiale Bohrkanalplatzierung. Exakte und sichere Verankerung der Transplantate mit TightRope® und Interferenzschrauben.

Sollte trotzdem oder gerade deswegen schon ein Knorpelschaden im Knie aufgetreten sein, so bedeutet dies nicht automatisch das Ende der „Golfkarriere” oder das Spielen auf einem weniger passionierten Niveau. Man kann durch ein paar wenige Änderungen in der Beinposition die Belastung auf das Knie senken, ohne nachweislich an Schlagkraft zu verlieren.

Gleichzeitig ist es aber auch von Nöten, einen schon entstandenen Schaden mittels einer klinischen und magnetresonanz-tomographischen Untersuchung zu evaluieren und ggf. zu behandeln. Da ein im Zerfall befindlicher Knorpel zu andauernden Schmerzen und Entzündungen führen kann, die ihrerseits wieder gesunden Knorpel beeinträchtigen, sind geringe aber dauerhafte Symptome therapiebedürftig. Dies reicht im Anfangsstadium von der kniegelenkspezifischen Stabilisation bis hin zur Therapie mit speziell gewonnenen Zellanteilen aus dem Eigenblut, die in das Kniegelenk gespritzt werden und dort dem verletzten Knorpel helfen, sich bis zu einem gewissen Maß wieder zu regenerieren – die sogenannte PRP Therapie. Sollte der Knorpelschaden schon weiter fortgeschritten sein, so kann auch eine Arthroskopie helfen, bei der geschädigte Knorpel- und Meniskus­anteile entfernt und die Entzündung minimiert werden kann. In den Fällen, in denen der Knorpel jedoch durch die andauernden Drehkräfte und ein zusätzlich geschwächtes vorderes Kreuzband schon bis auf den Knochen abgenutzt ist und der Knochen selber auch schon Veränderungen aufweist, ist ein Teil­ersatz oftmals einziges Mittel der Wahl. Dabei wird unter Belassung sämtlicher Bänder und Spannungsverhältnisse im Kniegelenk der betroffene Anteil des Kniegelenkes künstlich ersetzt, die Schmerz­symptomatik beseitigt und somit eine weitere Golf­aktivität ohne Schmerzen und wieder hergestellter Belastbarkeit gewährleistet.

Schoettle

Der Autor: PD Dr. med. Philip Schöttle
(Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie) engagiert sich besonders in den Bereichen der gelenkerhaltenden Operationen, der Sportorthopädie und der Mini-Prothesen am Kniegelenk. Er sammelte seine klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen an den Universitäten von München, Paris, Zürich und an der Charité Berlin, bevor er bereits 2007 seine Habilitation zum Thema „Neue Aspekte in der Behandlung der patellofemoralen Instabilität” einreichte. Die Operationstechniken und Gelenkersätze, die er im Rahmen seiner Habilitation und in der Folgezeit in München entwickelte, werden inzwischen weltweit – nicht nur von ihm – eingesetzt.

Kontakt:
PD Dr. med. Philip Schöttle
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Orthopädie Zentrum Arabellapark
Englschalkinger Str. 12
81925 München
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